Die ehemalige “Funkerhütte” in Wolfsburg-Nordsteimke

Auf dem Windmühlenberg in Nordsteimke, nicht weit vom Fielddayplatz des DARC-Ortsverbands Wolfsburg, stand bis vor kurzem eine kleine Hütte, die vor lange zurückliegender Zeit bereits Amateurfunkgeschichte geschrieben hat.

Diese Hütte ist gegen Ende des 2. Weltkrieges entstanden. Sie diente zunächst als Baubüro für die “Deutsche Bau AG“, die den nebenan gelegenen Trinkwasser-Hochbehälter für die Versorgung der Stadt Wolfsburg errichtete, die zu dieser Zeit noch “Stadt des Kdf-Wagens bei Fallersleben” hieß. Später wohnten hier die jeweils Dienstverantwortlichen für den Betrieb des Wasser-Hochbehälters.

Nachdem das Gebäude einige Zeit leer stand, zogen hier um 1967 zwei begeisterte Funkamateure ein: Peter Gebauer, DJ7GM und Ehefrau Hanna, die kurze Zeit später das Rufzeichen DJ7TG erhielt.

Die “Funkerhütte” von Hanna und Peter Gebauer auf dem Windmühlenberg in Nordsteimke, Aufnahme ca. 1968.

Peter kannte die Örtlichkeiten auf dem Windmühlenberg schon recht gut von früheren UKW-Reichweiten-Tests, für die er Antennen an einem trigonometrischen Vermessungspunkt auf dem nahen Wasserbehälter aufbauen durfte. Besitzer dieser Hütte war der in Nordsteimke ansässige Graf Günzel von der Schulenburg, der nach Anfrage von Peter das kleine Gebäude mit etwas Land drumherum schließlich an die Familie Gebauer verpachtete. Mit seiner Höhenlage von 120 m über N. N. ist dies einer der höchst gelegenen Punkte in der Stadt, mit freier Sicht nach Norden und Osten. Damit bot sich dieser Platz für weitere Reichweiten-Experimente auf den UKW-Frequenzen im 2 m-Band an.

In der Folgezeit haben Hanna und Peter Gebauer gemeinsam mit ihren Kindern und mit viel Fleiß diese ehemalige Diensthütte nach und nach zu einem schönen Wochenendhaus ausgebaut. Fast jeden Abend und auch an den Wochenenden ging es zu Fuß vom Wohnhaus am Steimker Berg hinauf zur Hütte nach Nordsteimke. Immer dabei war ein mit Material voll beladener Handkarren, denn einen PKW besaßen die Gebauers zu dieser Zeit noch nicht.

QSL-Karten-Motiv von DJ7GMA: Kaffeepäuschen vor der Nordsteimker Hütte. Die Amateurfunk-Rufzeichen in Deutschland hatten zu dieser Zeit grundsätzlich nur zwei Buchstaben im Suffix. Man konnte ein “Auswärts-QTH” anmelden, das durch Anhängen eines dritten Buchstaben “A” an das Rufzeichen kenntlich gemacht wurde.
Begnadeter Selbstbauer im heimischen Bastelkeller: Peter, DJ7GM.

Die bis dahin noch im Wohnhaus in der Stadt Wolfsburg befindliche Amateurfunkstation wanderte ebenfalls nach Nordsteimke, zunächst erstmal nur mit einer einfachen Antenne aber Peter und Hanna hatten bereits große Pläne.

Bald darauf wurde eine für damalige Verhältnisse spektakulär große Richtantenne für das 2 m-Band entwickelt: Eine Gruppenantenne, bestehend aus 16x HB9CV, angeordnet in Form eines 4 x 4-Arrays. Sohn Ralph Gebauer erinnert sich noch gut daran, wie diese Konstruktion unter Beteiligung weiterer Funkamateure im heimischen Keller langsam entstand. Oben auf dem Windmühlenberg herrschen immer wieder heftige Stürme und Böen. Die mechanische Konstruktion mit Abmessungen von rund 6 m x 4 m stellte eine große Windangriffsfläche dar und erforderte ausreichend stabiles Baumaterial. Hierfür wurden sehr viele Metallrohre herangeschafft, die man gebraucht und in Form von Restlängen und Überbleibseln bei der damaligen Firma Metallbau Gross im Wolfsburger Industriegebiet kostengünstig erstehen konnte. Mit der Hilfe von Freunden und auch unter Einsatz des bereits erwähnten Handwagens gelangte das viele Material nach und nach auf den Windmühlenberg.

Das selbst entwickelte und selbst gebaute 2 m-Antennen-Array von DJ7GM und DJ7TG in Nordsteimke – 16 x HB9CV. (Foto: Dieter Plock)

Ein elektrischer Antennenroter für eine solch gigantisch große Antenne war nicht finanzierbar. Das Antennenstandrohr wurde deshalb kurzerhand durch das Dach herunter bis auf den Fußboden im Shack geführt. Ich selbst erinnere mich noch gut an eine große Wasserpumpenzange, die als langer Hebel fest am Standrohr angebracht war und mit der die Antenne bequem vom Shacktisch aus gedreht werden konnte. Eine damals nicht unübliche Methode, die unter Funkamateuren auch gerne als “Armstrong-Rotor” bezeichnet wurde.

Für besondere Verbindungen: Mit Tusche gezeichnete und hand-kolorierte QSL-Karten von Peter, DJ7GMA. Auffällig auf den Karten ist der damals noch gebräuchliche “QRA-Locator”, der in der IARU Region 1 erst 1986 durch den heute gebräuchlichen “QTH-Locator” abgelöst wurde.

Für den Funkverkehr auf UKW wurde bis in die 70er-Jahre hinein Amplitudenmodulation (AM) verwendet. Frequenzstabile Quarze waren nur schwer erhältlich und noch sehr teuer. Die Schwingfrequenz eines glücklich ergatterten Quarzes lag nicht immer genau da, wo man sie haben wollte. Erfahrene Funkamateure versuchten deshalb gerne, die Schwingfrequenz “ihres” Quarzes durch ätzen des Quarz-Plättchens (z. B. mit Bier)! auf eine von ihnen gewünschte Sendefrequenz zu “ziehen”. Amateur-Sendeanlagen hatten deshalb oft nur eine oder zwei feste Quarzfrequenzen. Somit sendete jeder Funkamateur auf irgendeiner Frequenz, irgendwo im 2 m-Band. Nach einem CQ-Ruf mussten Anrufer mehr Geduld mitbringen als heutzutage und ggf. auch mal länger rufen, da eine CQ rufende Station mit ihrem Empfänger erstmal “übers Band drehen” und den Anrufenden suchen musste. Im Gegensatz zu den Sendern waren die Empfänger bereits durchstimmbar. Kompliziert konnte es werden, wenn mehrere Stationen gleichzeitig aber auf verschiedenen Frequenzen zurückgerufen haben. Die Betriebsart FM und die Benutzung von Kanalrastern gewann erst Anfang der 1970er Jahre langsam an Bedeutung, als erste ausgemusterte Geräte aus kommerziellem Einsatz zur Verfügung standen.

Hanna Gebauer, DJ7TG, an ihrer Amateurfunkstation in Nordsteimke.
QSL-Karten von Peter – DJ7GM und Hanna – DJ7GMC. Das “C” stand damals für Mitbenutzer. (Danke an DG3VSM und DL6ON für die QSL-Bilder)
QSL-Karte von Hanna, mit ihrem späteren Call DJ7TGA, das sie im Juli 1968 erhielt.

Hanna und Peter machten von Nordsteimke aus viel Funkbetrieb und waren Dank ihrer spektakulären Antenne bis weit nach Skandinavien hinein für ihr sehr lautes UKW-Signal bekannt. Unser Clubmitglied Jürgen, DF3OL, lebte damals noch in Ostberlin und berichtet, wie fasziniert man auch dort von den ungewöhnlich lauten 2 m-Signalen von DJ7GM und DJ7TG aus Wolfsburg war. Peter hatte sich bereits 1968 beruflich selbsttständig gemacht und betrieb in der alten Molkerei in Nordsteimke seine eigene Radio- und Fernsehtechnik-Werkstatt. Dieser glückliche Umstand erlaubte es ihm, bei guten Ausbreitungsbedingungen schnell mal hinauf in seine nahegelegene Hütte zu gehen und dort Funkbetrieb zu machen.

Schnell mal hinauf zur Hütte und die guten 2 m-condx ausnutzen – mit dem späteren Lieferfahrzeug von “Radio Gebauer”

Nach dem leider viel zu frühen Tod von Hanna Gebauer in 1974 reduzierte Peter seine Funkaktivitäten und zog sich bedauerlicherweise immer weiter zurück. Irgendwann um 1978 herum verschwand dann die große Antenne vom Dach der Nordsteimker Hütte, die nun nach und nach immer weiter verfiel. 2021 wurde sie ganz abgerissen um für ein neues Baugebiet Platz zu machen. Ein letztes Foto, bereits vor einigen Jahren aufgenommen, bleibt als Erinnerung.

Letzte Aufnahme der ehemaligen Funker-Hütte von Hanna & Peter Gebauer. (Foto: C. Hillmer)

Vielen Dank den “Zulieferern” für diesen Beitrag, in erster Linie an Ralph Gebauer, Sohn von Hanna & Peter; an Herrn Sibo Peters, einem der damals Dienstverantwortlichen Mitarbeiter im Wasser-Hochbehälter Nordsteimke; an Dr. Hans Eichel, DK1WB, für das Auftreiben der hand-gezeichneten QSL-Karten und an den leider bereits verstorbenen Nordsteimker Dieter Plock, von dem ich die Fotos von den Antennen erhalten hatte. Falls jemand noch weitere Erinnerungen, Fotos oder Material zu dieser erinnerungswürdigen Geschichte beitragen kann, würden wir uns über entsprechende Kommentare freuen.

7 Gedanken zu „Die ehemalige “Funkerhütte” in Wolfsburg-Nordsteimke“

  1. 1967, als DJ7GMA in Nordsteimke QRV wurde, hatte ich als Schüler gerade die Lizenz erhalten.
    Neben der Kurzwelle interessierte ich mich auch für 2 m und bald war eine 10-Element-Yagi-Antenne auf dem Dach des Mietshauses in Detmerode, so dass ich die QSOs von Hanna, (die immer das Call von Peter verwendete) verfolgen konnte.
    Bald wurde ich mit einem aus Semco-Bausteinen aufgebauten Empfänger, der um eine kleine Quarz-gesteuerte QRP-AM-Baugruppe ergänzte wurde, auch sendemäßig QRV und ich erinnere mich an viele Gespräche mit Hanna. Peter habe ich nie gehört, der bastelte lieber.

    1. Hallo, ich bin fasziniert von dem Artikel. Ich habe 1960 Jahre meine Lehrzeit als Elektroinstallateur begangen (heute Energieanlagen-Elektroniker) hi hi und bin oft an dieser Antennenmatratze vorbei gefahren. Schade das ich keinen Fotoapparat hatte. Ich kannte die Gegend sehr gut, eine UFB Lage für UKW.
      Dass zum Artikel. Mfg. F. Schrieber, DF6OE

  2. Christian, vielen Dank für Deinen Artikel.
    Peter und Hanna waren mit meinen Eltern befreundet und sind, wie ein weiterer Wolfsburger OM aus dem DJ7G – Block, nicht ganz ohne Einfluss auf meinem Weg zum Afu gewesen. Wer weiss, ohne die beiden Peters wäre ich vielleicht Buchhalter oder Busfahrer geworden. War schon gut, sie getroffen zu haben…

    Zu Hannas erstem Rufzeichen – sie hat damals nicht einfach Peters Call benutzt, sie hat ein Mitbenutzer-Rufzeichen gehabt, das als dritten Buchstaben im Suffix ein “C” trug, also Dj7GMC. So steht sie auch im “Summer_1965_Foreign_Amateur_Radio_Callbook”, hier mal ein kleiner Auszug:

    DJ7GM JUERGEN P .GEBAUER , UNT.DEN El CHEN 23,318 WOLFSBURG
    DJ7GMC HANNA GEBAUER. UNTER DEN E I CHEN 23. 318 WOLFSBURG
    DJ7GN ROLF MARHAUER. KREISSTR. 16. 3201 SEHLEM
    DJ7G0 KARL-H. SUPPA. KOEPLERSTR. 25. 32 HILDESHEIM
    DJ7GP PETER— J .GOEDECKE. SEMMEL WEI SSR I NG 33.318 WOLFSBURG

    Das war aber vor meiner Zeit als SWL.

  3. Danke für Deinen Kommentar, Michael.
    Das Mitbenutzer-Call DJ7GMC ist mir noch bekannt, allerdings haben wir nichts mehr darüber gefunden. In der Lizenzurkunde von DJ7TG steht das Ausstellungsdatum 26. Juli 1968, die Zeit des Mitbenutzer-Calls muss also noch davor gewesen sein. Das “C” im Suffix eines Rufzeichens bedeutete “Mitbenutzer”. Es gab wohl nicht sehr viele dieser Mitbenutzer. Meistens handelte es sich dabei um die Ehefrauen von Funkamateuren. Im Nachhinein hatte ich jetzt noch erfahren, das “Mitbenutzer” lediglich die Prüfung in Gesetzeskunde und Betriebstechnik ablegen mussten. Für die Technik war der Hauptinhaber eines Rufzeichens verantwortlich.

  4. Sehr schöner Artikel, vielen Dank dafür!
    Ich erinnere mich noch daran, dort mal zu Besuch gewesen zu sein. Wobei ich leider nicht sagen kann, ob das vor oder nach meiner Lizensierung als DC4OL war. Jedenfalls durfte ich die Antenne auch mal drehen!

    73,
    Ekki, DF4OR (F42, ex H24)

  5. Hallo Christian ,
    vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht über unseren Nachbarn auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Ich war in dieser Zeit häufig mit seinem älteren Sohn Klaus zusammen und war immer erstaunt wenn er gemeinsame Treffen nicht einhalten konnte, mit der Begründung, er muss zum Antennenbau nach Nordsteimke. Ich konnte mir damals nichts darunter vorstellen und er hat auch nichts darüber erzählt. Nun bin ich etwas schlauer, vielen Dank.

    MfG.,
    Jürgen R.

  6. Danke Christian für deine Bemühungen um diesen schönen Artikel.

    Zu dieser Zeit war ich zum Ingenieurstudium in Wolfenbüttel und damit nur gelegentlich am Wochenende in Wolfsburg und ab und an auch bei Hanna und Peter in Nordsteimke. Es war schon erstaunlich welche Entfernungen mit dieser Antenne auf 2 m in AM mit ca. 4 W erreicht wurden. Ich kann mich entsinnen, dass Hanna und Peter regelmäßig Kontakt mit einer Station in Hamburg hatten.

    Nach meinem Studium war ich noch als HiWi (Laborassistent) in Wolfenbüttel tätig und hatte damit Zugriff auf diverse Meßgeräte von R & S. Also haben Peter, DJ7GM und ich uns daran gemacht das Richtdiagramm der Antenne in Nordsteimke aufzunehmen. Unsere „Messstation“ war die Clubstation DL0VW in Detmerode. Dort hatten wir eine 10 El. Yagi, einen quarzgesteuerten 2 m/10 m Converter, einen Empfänger SB-300 von Heathkit, alles natürlich mit Röhren bestückt, zur Verfügung. Komplettiert wurde die Messanordnung durch ein schaltbares Dämpfungsglied von R & S, das ich aus Wolfenbüttel mitgebracht hatte.

    Mit diesen Geräten und viel Geduld haben wir dann das Richtdiagramm der Antenne auf Polarkoordinatenpapier, sowas gab es damals noch in jedem gut sortierten Schreibwarengeschäft, aufgezeichnet. Das Ergebnis war erstaunlich: Ein 3-dB Öffnungswinkel von ca. 30 Grad, jede Menge Nebenzipfel und ein nicht wirklich gutes Vorwärts-/Rückwärtsverhältnis. Leider sind die Messunterlagen in den Jahren verloren gegangen. Schade!

    73! Peter, DJ7GP

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