Erste offizielle H24 NOTFUNK-Übung

Anfang März 2014 gab es in der Stadt Wolfsburg an einem Samstag Vormittag den bis dahin längsten und umfassendsten Stromausfall. Die laufende Sonderschicht im VW-Werk zur Golf-Produktion musste abgebrochen werden, die Arbeiter wurden nach Hause geschickt. Bis zu 50.000 Haushalte waren von dem Ausfall, der sich über mehrere Stunden hinzog, betroffen. Die Medien berichteten ausführlich, wie z.B. der SPIEGEL.

Da der Stadteil Detmerode, in dem das 70cm FM-Stadtrelais DB0VW betrieben wird, nicht betroffen war, konnten sich die Wolfsburger Funkamateure trotz der damals noch fehlenden Notstomversorgung der Relais-Funkstelle mit 70cm-Handfunkgeräten weiterhin verständigen, während z.B. die digitalen Tetra-Funknetze von Polizei und Feuerwehr nach etwas 2 Stunden wegen der begrenzten Akku-Pufferung der Netz-Basisstationen ausgefallen waren.

Für die Wolfsburger Stadtverwaltung hatte dieses Ereignis offenbar eine Sensibilisierung gegenüber den Gefahren eines langandauernden Stromausfalls zur Folge. Denn es kam zu mehreren Gesprächsrunden, zu denen auch der OV H24 eingeladen wurde. Es wurde diskutiert, was man vorbeugend gegen derartige Ereignisse tun könne. Der OV-Vorstand von H24 mit DG5ACX, DK1WB, DF2HBW und DL4OAW zeigte gegenüber der Stadt ein starkes Interesse an diesem Thema und es schlossen sich verschiedene Gespräche zwischen OV-Vorstand, Stadtverwaltung und  Berufsfeuerwehr an. Im Ergebnis wurde dem OV vom Oberbürgermeister Mohrs am 20.05.2016 der Auftrag erteilt, entsprechend §15 des Niedersächsischen Katastrophenschutzgesetztes eine „Notfunkgruppe im Fernmeldedienst“ aufzubauen. Ein derartiger offizieller Auftrag eines Stadtoberhauptes an die örtlichen Funkamateure zur Unterstützung im Katastrophenfall ist bisher einzigartig in Deutschland. Deshalb wurde im OV alsbald nach dem erhaltenen Auftrag eine Notfunkgruppe gegründet mit zunächst 8 und später 10 Mitgliedern.  Das Thema „Einbindung der Funkamateure“ in die Katastrophenschutz-Arbeit der BOS-Dienste war offenbar auch für die Behörden unklar, denn es geschah zunächst einmal – nichts. Der OV lud Vertreter der Berufsfeuerwehr mehrfach ein, z.B. zum Frühlingsfest am Wasserturm und zum SSB-Fieldday in Grafhorst, um im Gespräch zu bleiben und Anregungen zu geben. Aber offenbar fehlte weiterhin eine zündende Idee, wie die Funkamateuer sinnvoll eingesetzt werden könnten. Da hörten wir von einer NOTFUNK-Übung des OV Göttingen und luden den Leiter dieser NOTFUNK-Gruppe Reinhard, DK7AT, zu einem OV-Abend nach Wolfsburg ein, damit er uns über seine Erfahrungen berichten konnte. Er ermutigte uns, eine Übung in Wolfsburg nach dem Göttinger Modell zu planen. Das bedeutet, eine Übung entsprechend einem angenommenen Krisen-Szenario eigenverantwortlich durchzuführen, und BOS-Vertreter als Beobachter dazu einzuladen. Diese Vorgehensweise wurde nach Gesprächen mit Kommunikationsexperten der Feuerwehr bestätigt und umgesetzt.

Zum Jahreswechsel legten wir den Übungstermin auf den 22.04.2017 fest und baten die BOS-Dienste, sich diesen Tag freizuhalten und Beobachter zu der Übung zu entsenden. Wir informierten auch die Bundesnetzagentur über die geplante Funkübung.
Das angenommene Szenario  war der gefürchtete flächendeckende und langandauernde Stromausfall verbunden mit der Schwierigkeit der städtischen Dienstellen und BOS, den Kontakt zu den Bürgern in den zum Teil weit entfernten Ortsteilen aufrecht zu erhalten. Sehr bald bekamen wir von der Berufsfeuerwehr, einigen freiwilligen Feuerwehren, und auch von DRK und THW die Bestätigung, sich an der Übung durch Beobachter beteiligen zu wollen.

Bei der Planung der Übung wurde schnell klar, worin die Problem der Stadt bei einem vollständigen Ausfall der Kommunikationswege bestehen. Wolfsburg besteht neben der Kernstadt mit ihren Stadtteilen aus 18 eingemeindeten umliegenden Ortschaften mit eigenen freiwilligen Feuerwehren. Wegen der großen Entferungen wird es für die Bürger in den Ortsteilen bei Ausfall der Kommunikationsmedien schwer, Meldungen an Polizei und Feuerwehr in der Kernstadt abzusetzen.

Für diese Übung definierten wir die Aufgabe der Funkamateure so, dass der Bevölkerung in den Ortsteilen die Möglichkeit zu geben sei, Notrufe an die BOS-Zentrale im Rathaus zu übermitteln. Da die Standorte der freiwilligen Feuerwehren bekannt sind, wurden die NOTFUNK-Stationen wo möglich in der Nähe der lokalen Feuerwehrhäuser postiert.  Im Katastrophenfall würden die Einwohner der Ortsteile die zu übermittelnden Nachrichten an die Besatzungen der NOTFUNK-Stationen mündlich übermitteln. Für die Übung entschlossen wir uns, die Notfallmeldungen vorab für alle Stationen in einem „Drehbuch“  aufzuschreiben. Damit waren die Meldungen sowie die Zeitpunkte für deren Aussendung während der 3-stündigen Übung vorgeben und nur den einzelnen Stationen und der Übungsleitung bekannt. Wir gingen von einem sternförmigen Funknetz aus, wobei die Clubstation DL0VW die Zentrale darstellte, in der alle Nachrichten auflaufen und an die BOS-Dienste verteilt werden sollten. Da die BOS-Dienste aber nur Beobachter entsandten, sich aber nicht aktiv an der Übung beteiligen würden, entschlossen wir uns, die empfangenen Sprachmeldungen in Form von Emails in eine zentrale Mailbox zu schicken. Auf diese Weise konnten wir nach der Übung auswerten, ob die Meldungen fehlerfrei empfangen worden waren und wie lange die Übertragung jeweils gedauert hatte. Bei einer späteren gemeinsamen Übung mit BOS könnte diese Mailbox bei der zentralen Kommunikationsstelle des Katastrophenschutzes im Rathaus stehen und z.B. über eine WINLINK-Strecke angebunden werden (bevorzugt über eine schnelle Datenstrecke mittels Hamnet).

In der Vorbereitungsphase der Übung wurde Kontakt mit den umliegenden Ortsverbänden aufgenommen. Dabei zeigten die Braunschweiger Ortsverbände und insbesondere Akafunk, die Vereinigung der Funkamateure an der TU Braunschweig, Interesse, sich an der Übung zu beteiligen. Auch aus Salzgitter und Hannover wurde Interesse signalisiert. Die Teilnahme des OV Göttingen war mit DK7AT ohnehin fest eingeplant. Um alle 16 Stationen und die Zentrale mit wenigstens zwei OPs besetzen zu können, benötigten wir 34 Teilnehmer zuzüglich Versorgung und Übungsleitung. Bei der Vorbesprechung am Übungsmorgen  zeigte sich dann, dass die angemeldeten Teilnehmer vollständig erschienen waren und die Übung wie geplant stattfinden konnte. Unter dem Strich stellte der OV Wolfsburg 14 Teilnehmer, Akafunk 12, Göttingen und Salzgitter je 3 und Braunschweig (H03) 2 Teilnehmer.

Vorbesprechung und Ausgabe der Übungsunterlagen vor dem Wasserturm

Auch die BOS-Organisationen waren mit 10 Vertretern recht zahlreich erschienen.

Die Berufsfeuerwehr stellte mit 4 Beobachtern die größte Gruppe, und die freiwilligen Feuerwehren sowie DRK und THW waren mit je zwei Gästen vertreten. Dabei kamen die BOS-Teilnehmer nicht nur aus Wolfsburg sondern auch aus Braunschweig und Hannover. Die Berufsfeuerwehr Wolfsburg verband ihren Besuch mit der Übergabe eines 9 kW Notstromaggregats, das dem OV H24 von der Stadt Wolfsburg gespendet worden war und das für die Notstromversorgung des Wasserturms vorgesehen ist, aber auch bei Fieldays zum Einsatz kommen soll.

Die eigentliche Funkübung dauerte 3 Stunden, in denen von den 16 Stationen insgesamt etwa 100 Meldungen an die Zentrale übermittelt werden mussten. Da nur ein Sprachkanal (70cm FM-Relais DB0VW) zum Einsatz kam, musste dieser möglichst effizient mit einer an den BOS-Funk angelehnten Betriebstechnik genutzt werden. DK7AT gab als Übungsleiter über Funk wertvolle Hinweise. Die spätere Auswertung der in der Mailbox gespeicherten Funksprüche ergab, dass nur in wenigen Ausnahmefällen Fehler bei der Übertragung entstanden waren. Die Übertragungszeit vom geplanten Aussendezeitpunkt bis zur Registrierung in der Mailbox betrug in der Regel weniger als 3 Minuten.

Hier einige Eindrücke von NOTFUNK-Stationen während der Übung:

DJ6GR und DK5OA am Feuerwehrhaus Almke
DL4KIO und DH1NOR am Feuerwehrhaus in Barnstorf

 

DO5OK und  DH7NG vor der Ortsfeuerwehr Ehmen
DJ4VC und DD3AL in Westhagen
DK5ER und SWL Jonas im Einsatz bei DL0VW

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Übung trafen sich alle Teilnehmer wieder am Wasserturm zu einem Imbiss mit Salaten und Würstchen, die von DG5ACX und und SWL Andrea vorbereitet worden waren. Die Abschlussbesprechung wurde dann im Schulungsraum des OV im Wasserturm durchgeführt.

Abschlussbesprechung im Wasserturm

DK1WB bedankte sich als Gastgeber bei allen Teilnehmern und Helfern für ihr Kommen und den gezeigten Einsatz und drückte seine Hoffnung aus, auch künftig eng mit Akafunk und den benachbarten OVs bei NOTFUNK-Übungen zu kooperieren. Da Katastrophen sich nicht an die OV-Grenzen halten, sollten solche Kooperationen zur Selbstverständlichkeit werden.

Auch die Teilnehmer zeigten sich zufrieden mit dem Verlauf der Übung. Der Übungsleiter DK7AT lobte den disziplinierten Sprechfunkverkehr und die Bereitschaft der Teilnehmer, sich bei ihrer Betriebstechnik an einige bei BOS übliche Regeln anzupassen.

Die Idee, eine Hamnet-Strecke zwischen Wasserturm und BOS-Zentrale für den Katatastrophenfall aufzubauen, stieß auf großes Interesse bei den BOS-Vertretern. Da für den Betrieb auch auf BOS-Seite lizenzierte Funkamateure erforderlich sind, empfahl DK1WB interessierten BOS-Gästen die Teilnahme an einem Ausbildungskurs des OV Wolfsburg.

Die Vertreter der Berufsfeuerwehr Wolfsburg bedankten sich im Namen aller BOS-Teilnehmer für die Einladung zu der Übung und werden Vertreter des OV H24 zu einem Folgetreffen einladen, um über die weitere Vorgehensweise zu beraten. Eine größere Katastrophenschutzübung ist seitens der Stadt Wolfsburg für den Herbst 2017 geplant.

 

9 Gedanken zu „Erste offizielle H24 NOTFUNK-Übung“

  1. Danke für die Info. War bei dieser Übung dabei. Haben hier in Göttingen schon zwei Übungen durchgeführt. Lob an die Funkfreunde von H24. War ein voller Erfolg. Gruß aus Göttingen. DB1AY Berndt H 53

  2. Guten Morgen Männer und Frauen, was ohne hin schon relativ selten ist, Damen beim Amateurfunk, kann nur noch getoppt werden durch Damen beim Amateurfunk und auch noch aktiv dort beim Notfunk! Was ich gestern, am Übungstage der 1.Wolfsburger Notfunkkübung , an positiven Eindrücken mit nach Göttingen nehmen konnte, ist nicht mit 2 Sätzen zu beschreiben. In Kürze deshalb: sorry wenn ich bei der Korrektur oder Erklärung vielleicht manchmal etwas „Besserwisserisch“ erschien, Ihr habt prima mitgemacht, wart sehr engagiert und lernfreudig, was sich bereits nach ca. 1 Stunde Übungsbetrieb schon deutlich bemerkbar machte. Lieber Hans, dafür das Du und Deine H24-er Amateurfunktruppe bisher vom BOS Funk keine Ahnung hattet, hat es bestens geklappt. Also auch Deiner umfangreichen Planung sei Dank! Ich Denke Andreas DG4OAE, der ja im Distrikt H Niedersachsen weit auch stark aktiv ist wird dies bestätigen. Gerne haben wir im Rahmen unserer Möglichkeiten geholfen und werden unsere Eindrücke dem Distrikt Vorstand H übermitteln. Würstchen, homemade Nudelsalat: alles prima, Danke an die Damen! Bilder bekommst Du von Berndt DB1AY und Stephan DG3ABY zugemailt.

    Macht weiter so, herzliche Grüße von Göttingen nach Wolfsburg
    Reinhard Wienbrügge DK7AT
    Notfunkreferend Distrikt H Südniedersachsen
    Stephan Brietzke DG3ABY OVV H53 GÖ-West
    Berndt Hoffmann DB1AY aktiver Notfunker H53 GÖ-West

  3. Hallo Zusammen,

    Glückwunsch zum gelungenen Notfunk-Auftakt!

    Hier noch der Hinweis, das im Ortsverband Wolfsburg im Laufe der vergangenen Monate etliche stationäre Amateurfunkstellen für netzunabhängigen Betrieb aufgerüstet worden sind. Damit stehen weitere Ressourcen für Noteinsätze zur Verfügung.

    73 de Christian, DL1OD

      1. Hallo Hans,

        also für den Standort Detmerode kannst Du mich als Notfunkstation vermerken.
        Die Notfunkübung war nicht nur interessant und sinnvoll, sie hat auch Spaß gemacht.
        Vielen Dank für die umfangreiche Vorbereitung.
        Bin wieder dabei…

        73,
        Jürgen, DO1OL

  4. Von mir auch herzlichen Dank an Hans DK1WB und Reinhard, DK7AT für die hervorragende Planung und Vorarbeit und an alle Beteiligten OMs aus Braunschweig, Göttingen und Salzgitter für diesen großartigen Einsatz. Besonderer Dank von mir an die AKAFUNK Braunschweig, die mit 12 OMs dabei waren. Hut ab, das ist HAMSPIRIT.

    PS: Jürgen, habe Dich in die Notfunkkarte eingetragen.

  5. Im Dezember 2017:
    Guten Morgen Wolfsburg, hier ruft Göttingen, Hallo Hans, Hallo Notfunker,
    wir haben ja lange nichts von einander gehört. Trotzdem weiß ich natürlich das Ihr rege seid und am Ball bleibt in Sachen „Notfunk“. Ich schicke mal ein wenig Info von uns. Der Notfunk bei uns hat momentan eine vom Leiter der BFGÖ verordnete kleine Ruhepause zu Gunsten anderer sehr wichtiger Dinge.
    Ab sofort ist die neue gemeinsame Regionalleitstelle BOS der Stadt Gö, des Landkr. Gö und dem Landkreis Osterode in Betreib genommen worden. Es läuft gut, aber es ist trotzdem noch einiges zu tun.Wenn sich auf dieser Ebene alles eingeschliffen hat, werden wir auf Wunsch von Dr. Schäfer (Leiter BF) und den Stadtoberen eine Vorstellungsübung veranstalten um uns, die Funkamateure, in den KatS der Stadt bei der BF, auf deren Gelände wir ja unsere Cklubstation DL0BFG der Göttinger Funkamateure haben, an zu gliedern.
    Auch wir haben noch wichtige Dinge zu tun. Nämlich Fusion der beiden Göttinger OV´s H10 und H53. H53 hat schon positiv abgestimmt und H10 stimmt jetzt Freitag 1.12.2017, bei der Jahreshauptversammlung ab. Ich wünsche uns, das auch dieses klappt.
    Danach werden wir uns langsam für Anfang 2018 auf die PR und Info Notfunkübung Göttingen vorbereiten.

    Nach einem für alle ereignisreichen Jahr wünschen wir, die Göttinger OM´s, einen geschmeidigen Übergang nach 2018!

    73 Reinhard DK7AT
    Notfunkbeauftragter
    Distrikt H / NiS

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